Reviews
Kai Bleifuß - Träumen im Steilhang
Eine Würdigung von Amadé Esperer

Weitgehend unbemerkt vom Literaturbetrieb erschien 2019 Träumen im Steilhang, ein stilistisch, und auch ästhetisch hochinteressantes Buch, auf das wir unsere Leser wegen seiner avantgardistischen Textpräsentationen mit einer kurzen Würdigung aufmerksam machen möchten.

Das Buch betritt stilistisches Neuland insofern als es an figurierte Poesie erinnernde Visuelle Prosa bietet. Die Lyrik kennt die optische Gestaltung von Gedichten ja schon seit der Antike, von wo uns etwa Umriss- oder Gittergedichte überliefert sind. Und natürlich kennen wir solches auch aus der Barockzeit, als kreis-, trichter- und herzförmige Gedichte, um nur einige Formen zu nennen, in hoher Blüte standen. Figurengedichte standen später auch bei DADA im Mittelpunkt und seit den 1950er Jahren auch in der „Konkreten bzw. Visuellen Poesie“. Seither ist der Strom an geometrisch gestalteten Gedichten nicht mehr abgerissen, und es finden sich immer wider Lyrikbände mit visuell gestalteten Gedichten.

Figurenprosa aber ist noch nicht so geläufig und begegnet einem eher selten. Obschon Bleifuß die figurierte Prosa nicht erfunden hat, bildet sein Buch doch wegen der Intensität, mit der hier die Texte opto-artistisch zu einem Erlebnisraum gestaltet werden ein Novum. Was etwa die Autorenngruppe PENG[1] in den 1980er Jahren mit literarischen Open-Air-Installationen  in Deutschland erstmals unternommen hat, das entwickelt Bleifuß hier weiter zu einem in Buchform transportablen Gesamtkunstwerk aus Text-Bildern und Bildern mit Texten. Dabei werden manche sprachlich an sich schon dichten Texte durch die optische Formung als Textschnipsel durch bestimmte Geometrien noch dichter und noch schneller. In anderen Fällen wiederum sorgen langbogige, weiche Konturierungen für ein Ritardando des Lesetempos. Die geometrische Gestaltung der Texte bewirkt hier also, was beim Gedicht etwa Zeilenlänge und Zeilensprung bewirken.

Zusätzlich bringt die geometrische Formung bzw. Verformung, und die farbliche Gestaltung der einzelnen Textschnipsel auch eine ästhetische Komponente ins Spiel und hebt insgesamt das ästhetische Vergnügen.

Eine weitere, in ihrer Bedeutung gar nicht zu überschätzende Eigenschaft eignet der geometrischen Text-Gestaltung auch dadurch, dass sie eine optische Zusatzdimension ins Spiel bringt, die die Textinhalte der einzelnen Geschichten kommentiert und letztlich metaphorisch weitet. Anders gesagt, mit der ästhetisch gelungenen, formalen Verquickung von Text- und Bildersprache spielt der Autor in äußerst inspirierter Weise, indem er das Text-Bild-Material als Einheit erachtet und gleichberechtigt mit der Textsemantik so einsetzt, dass die Textaussage durch die optische Gestaltung nicht nur einen ästhetischen, sondern auch einen inhaltlichen Mehrwert erhält.

Der Autor spielt auf diese Art natürlich auch gewaltig mit unseren eingeschliffenen linearen Lesegewohnheiten. Indem wir seinen Geschichten mal entlang einer gerundeten, mal entlang einer komplex verschachtelten Textgeometrie folgen müssen, mal auf an Hieroglyphen erinnernde Text-Inseln geführt werden und von Insel zu Insel hüpfen müssen, oder indem wir uns von einer  leuchtenden Farbkugel zur nächsten in einem schwarzen Universum fortbewegen müssen. Stets lockt uns die Geschichte wieder auf einem anderen, noch originelleren Lesepfad in ihr Geheimnis. Wollen wir also wissen, was in einer der 28, teils noch in sich untergliederten Kurzgeschichten des Bandes steht, müssen wir, mit den Augen hin und her springen, das Buch mal nach rechts, mal nach links bewegen oder gar ganz auf den Kopf drehen. Jede Geschichte wird so durch ihre spezifische Text-Optik zu einem eigenen kinetischen Erlebnis.

Etwa die Geschichte Druck, deren eine Untergeschichte von einem Backwettbewerb handelt. Hier begegnet uns das Textbild in sinnfälliger Weise als rautenförmiges Tortendekor, das aus rot- und schwarzgefärbten Sätzen erzeugt ist, wobei die roten Sätze, die Seitenlängen der Rauten, die schwarzen die Rautenflächen bilden. Wenn man sich kreuz und quer durch dieses Rautenmuster liest, merkt man schnell, dass die schwarzen Rautenflächen Dialog- oder Gedankenfetzen von einzelnen Wettbewerbsteilnehmern transportieren:

ja doch / gleich wieder die / Klatsche. Otto hat ein Haar / am Kragen. Und sagt / etwas,  

oder:

Antonia / Pokerface! Vor ich/ren Augen zieht ihr ganzes / konditorisches Leben / vorbei.

Die roten Sätze dagegen, die jeweils quer über die „Torte“ laufen und die einzelnen Rauten gegeneinander abgrenzen, bilden den Kontrapunkt dazu und lesen sich als kommentierende oder fragende Jurorenstimmen. Während die Juroren begutachtend von Teilnehmer zu Teilnehmerin gehen, hören wir sie Sätze äußern wie:

 

„Die Kante könnte ordentlicher sein, aber sonst …“ „Ist das Mokka?“ „Ja gut, schneiden wir das Ding doch mal an!“…! Aha. ist das Mokka?“ „Schön. Sehr sauber gearbeitet

 

Der Leser wird so, indem er sich durch die Tortenverzierung liest, direkter Augenzeuge des Begutachtungsvorgangs  der von den Wettbewerbsteilnehmern gefertigten Kuchen und Torten und hat das Gefühl dem Wettbewerb „live“ beizuwohnen:

 

 

Bei der Geschichte Übersetzungen erfährt der Leser den Inhalt der Geschichte, indem er mit den Augen von Text-Insel zu Text-Insel hüpft, wobei jede Textinsel die Form einer bestimmten Hieroglyphe hat. Hierdurch gibt uns der Autor optisch den Hinweis, dass mehr in der Geschichte steckt, als diese auf den ersten Blick verbal andeutet, dass der Leser hier also etwas aus der in den Text-Inseln erzählten Geschichte übersetzen muss. Bei der Geschichte handelt es sich nämlich um den Traum einer Schülerin, bei dem sich, wie das mit Träumen so ist, Widersprüchliches gleichzeitig abspielt. Dass wir das im Text Gesagte also nicht eins zu eins zu nehmen haben, sondern in einzelne Bilder übersetzen müssen, aus dem sich ein Gesamtbild auf der Sinnebene ergibt, das nun besser die Sorgen, Wünsche, Ängste des Mädchens ausdrückt, wird uns durch die hieroglyphenartige Textdarbietung nahegelegt.

Träume sind verschlüsselte Botschaften, ähneln den ägyptischen Hieroglyphen von archäologischen Ausgrabungen und geben ihre Bedeutung erst Preis, wenn man, wie der Titel der Geschichte anzeigt, adäquate Übersetzungen gefunden hat, wobei es meist mehrere Übersetzungsmöglichkeiten gibt. Das alles sagt uns der Autor in dieser Text-Bild-Kollage. Er bietet durch die spezifische Textgestaltung sozusagen einen optischen Metakommentar zu dem Inhalt der im Text erzählten Geschichte, ohne die Geschichte sprachlich durch einen auktorialen Erzähler kommentieren lassen zu müssen. Das ist ein raffinierter stilistischer Kunstgriff, der zeigt, wie man heute eine Geschichte glaubhaft erzählen kann, ohne sich einerseits den Einschränkungen der Ich-perspektivischen und andererseits den Zwängen der auktorialen Erzählweise beugen zu müssen.

Bei der Geschichte Kaleidoskop oder Treffpunkt der Logiken fällt der optische Kommentar wieder anders aus. Hier folgen wir im Text lesend einem Touristen, der auf einer Hotelterrasse mit Blick auf Strand und Meer frühstückt und sich unter anderem mit einem jungen Spanier in ein ziemlich absurdes Gespräch verheddert. Gleichzeitig gleitet aber unser lesender Blick an der sich Zeile für Zeile ändernden linken Textgrenze entlang, so dass wir durch die Textgeometrie bei der Rezeption des Textinhaltes das Gefühl bekommen, einem harmonisch geschwungenen Küstenstrich zu folgen:

Durch die bikiniförmig gestaltete, eine Bucht imitierende, Textform kommt beim Lesen Strandgefühl auf, und durch die Rotbetonung der Rundungsspitzen, wird sogar der Gedanke an eine Bikini tragende Badende evoziert. Die opto-artistische Textgestaltung trägt hier in eleganter Weise zu einer Mehrfachkodierung des Subtextraumes bei. Hätte der Autor dies alleine durch sprachliche Mittel zu bewerkstelligen versucht, wäre ein umständlicherer und längerer Text die Folge gewesen, der den Textinhalt seines absurden Flairs beraubt hätte.

Als weiteres Beispiel für das ungewöhnlich inspirierende Lesevergnügen, das einem der Band Träumen im Steilhang bereitet, sei die Geschichte Die Welt ist anders hervorgehoben. Diese etwas längere Geschichte schildert in sieben Makroschnipseln sieben unterschiedliche Sichtweisen auf das aberwitzige Leben eines gewissen Sven Gustavsson, der Vorstandsmitglied eines weltweit operierenden Saatgutkonzerns ist. Gustavsson wird, ohne dass er das weiß, von seiner Frau, einer mal als Sekretärin, mal als Hypnotiseurin, mal als Antonella durch die Texte geisternden zwielichtigen Dame, heimlich im Auftrag des Saatgutkonzerns überwacht. Die Welt, wie sie Gustavsson in sieben Textschnipseln erlebt, teilt sich ihm nicht als überschaubar mit, und setzt sich zunächst auch für den Leser, der beim Lesen der Einzelschnipsel anfangs eine ähnliche Verwirrung wie Gustavsson durchmacht, erst am Schluss der Geschichte als sinnvolles Ganzes zusammen. Dann stellt sich nämlich optisch für den Leser heraus, dass sich die sieben Einzelschnipsel zu einem Mosaik komplettierenden Gesamtbild ordnen und erst so einen klärenden Draufblick auf die von Gustavsson als verworren erlebte Welt erlauben. Hier erreicht Bleifuß also optisch, was man im Drama oder der Oper als „Alla parte Sprechen“ bezeichnet und was im Film in Einblenden gezeigt wird, die den Zuschauer von wichtigen Dingen in Kenntnis setzen, welche der Handlungsheld nicht erfährt. Dies ist eine besondere Form von Ironie, die hier optisch realisiert wird:

Zu guter Letzt möchte ich noch die in Form von farbig leuchtenden Blasen erzählte kleine Geschichte Im All anführen. Die Geschichte spielt in einem großen dunklen Weltall, in dem verschiedene Stimmen über ihr früheres Leben nachdenken, über ihre Beziehungen, über Geglücktes und Versäumtes:

 

… Da war ich um die dreißig, würde ich schätzen, und ich wusste mit der Sicherheit eines Alptraums, dass ich zehn Jahre vorher dieses Mädchen hätte ins Theater einladen sollen. Am nächsten Abend fing es an …. 

 

Die Stimmen erzählen nicht konsistent, sondern lassen die Gedanken in der Art eines ziemlich fragmentierten Bewusstseinsstroms blasenförmig ins All wegschweben, was durch die optische Formung der Texte suggeriert wird, wie das folgende Bild sehr schön zeigt:

 

 

Die Bleifuß‘schen „In-Libro-Installationen“ widerspiegeln mit ihrer optisch raffiniert in Szene gesetzten neuartigen Erzählweise inhaltlich und formal die aberwitzige Beschleunigung von Lebensabläufen in einer Welt, die sich rasend schnell einer postfaktischen Dystopie zu nähern scheint, aber auch noch ihre retardierenden, schönen Momente hat.

Alles in allem ist Träumen im Steilhang ein äußerst inspirierendes „steiles“ Lesererlebnis für jeden, den schöne Farben und Formen ansprechen, der Surreales, Witziges, Ironisches und Unterhaltendes, aber auch Dystopisches in kürzeren und sehr kurzen Geschichten sucht. Er wird hier unbedingt fündig.

 

 

[1]   PENG ist das Akronym aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der Gründer der Künstlergruppe: Lou A. Probsthayn, Reimer Boy Eilers, Nicolas Nowack und Gunter Gerlach.

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Kai Bleifuß. Träumen im Steilhang (Modo Verlag) Freiburg i.Br., 2019. 280 Seiten. 34,00 €

Amadé Esperer - Im Auge lacht der Augenblick
Rezension von Anna Siy

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Man staune und lese, ein deutscher Verlag, nämlich der in Bamberg ansässige Erich Weiß Verlag, hat es tatsächlich gewagt, Flash Fiction-Geschichten herauszubringen. Glückwunsch Herr Weiß! Sie wissen offenbar etwas mit diesem aufregenden Genre anzufangen und haben es gleich mit einem ganzen Band gewürdigt. Allerdings ist der Autor ja auch kein unbekannter, wenn gleich es für Amadé Esperer, der bislang vor allem als Vollblutlyriker bekannt war, doch ungewöhnlich ist, sich mit diesem Band in die Gefilde der Prosa begeben zu haben. Aber er hat sich ja durchaus wählerisch in der Prosalandschaft umgesehen und sich des derzeit wohl reizvollsten Prosagenres, nämlich der Flash Fiction bedient, und, als wäre das nicht schon innovativ genug, ihr nicht selten neue Dimensionen abzugewinnen verstanden.

Überzeugend gelingt es Esperer, die Flash Fiction-Geschichte, die im amerikanischen Schrifttum allzu oft handlungshysterisch und nüchtern narrativ daherkommt, in eine ureigene, lyrisch inspirierte Sprache zu kleiden, in welche die Ornamentik von magischem Realismus ebenso eingearbeitet ist wie sprachspielerischer Witz, lebensphilosophische Ironie und weltoffene Neugierde.

Die 65 Geschichten sind nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch von einer solchen poetischen Wucht, dass einem beim Lesen vor Vergnügen der Atem rascher und der Puls schneller gehen. Plötzlich bietet sich ein ungeahnter Blick auf Welt und Mensch: Jede Tatsache siehst du zum Schweben gebracht, heißt es da in einer der Geschichten, und dies ist auch der rote Faden, der sich durch diese Flash Fiction-Serie zieht. Jede Geschichte hat ihr geheimes Leben, ihr Unerwartetes, Unberechenbares, das uns in einen Sog hineinzieht, den wir nicht für möglich gehalten hätten, jede hat ihre eigene Tonart, mal meditatives Moll, mal triumphales Dur, alle aber strahlen die Wärme einer liebevollen Grundhaltung der Welt und ihren Bewohnern gegenüber aus.

Ob Liebelei oder absurde Begegnung, ob skurrile Kurzbekanntschaft oder ungewöhnlicher Back-Stage-Besuch, stets gelingt es dem Autor, uns auf sprachlich höchstem Niveau zu verführen, aus ungewöhnlichen Perspektiven eingeschliffene Erlebnisroutinen zu durchbrechen und zu den Kernen von Wahrheit und Schönheit vorzudringen, hinter all der zeitgeistigen Oberflächlichkeit, all dem Hässlichen und Verstörenden. So wird etwa aus einem nüchtern-physikalischen Phänomen wie den Newton Ringen eine Epiphanie des Schönen:

Ich kann mich nicht beklagen, die Sonne wärmt auch mich trotz eisiger Minustemperaturen hier unten in der Straßenschlucht. Ich wünsche mir ein langes Wochenende und streiche um die seichten Pfützen, auf denen ölig schillernd Newtons Ringelblumen blühen, als sei der Frühling ausgebrochen …

In der Geschichte Suche werden wir Zeugen einer beginnenden Romanze mit Descart’schem doppelten Boden:

Sie saß am Gegenübertisch, nicht schlank, nicht unschlank, elegant mit hell aufglucksender Minzenfrische im Sinn. Er konnte ihren Anblick nicht ertragen, noch weniger das Fehlen ihrer Gegenwart, stand auf und ging hinauf in sein Zimmer. Dort fiel er in einen leeren Sessel und in tiefe Gedanken. Ein Klopfen holte den schlaflos Hin- und Herdenkenden an die Türe: SIE …

Auch lässt der Autor uns teilhaben, wenn es um die Belauschung der geheimen Erotik der Schöpfung geht:

Versunken saß er unter der Decke der Zeit. Beobachtend den Umkleidewunsch der Schöpfung: An den Händen und Füßen war sie schon nackt, aber ihr Torso war noch verhüllt, ihr Gesicht mit blickdichten Tüchern drapiert. Sie schlangen sich wie Nebelstoff um ihre Hüften, ihren Hals, ihr Antlitz, und bevor man sich’s versah, war sie schon wieder nach hinten verschwunden. Er hatte den brennenden Wunsch, sie als Ganze zu sehen. Zuviel hatte er schon gehört und gelesen von ihren wohlproportionierten Maßen, dem goldenen Schritt und so weiter…

Vielen von Esperers Flash Fiction-Geschichten eignet auch deswegen ein besonderer Esprit, weil sie doppelt kodiert sind, sich unter der Oberfläche intertextuelle Hinweise auf andere Werke von Kunst und Literatur verbergen, die der Geschichte eine ästhetische Zusatzdimension verleihen. So verweist etwa Frau am Fluss nicht nur auf ein berühmtes Bild Baldung Griens, sondern auch auf John Donnes No Man is an Island und Simon und Garfunkels Lied I Am a Rock:

Wie eine Hexe von Baldung Grien sah ich sie sitzen, unten am Fluss in Gedanken versunken, sah ich sie, gehüllt in den grüngelben Mantel Melancholie … Sie war ein Fels und eine Insel, and a rock feels no pain, and an island never cries.

Die Geschichte Ody sehen gar führt uns vor, dass sich die Hunderte von Seiten umfassende Odyssee auch in der Kürze einer amüsant erzählten Flash Fiction in allen wichtigen Aspekten mit philosophischem Hintersinn und sogar ironisch hinterfragend erzählen lässt. Nicht nur dass Odysseus mit seinem Schöpfer Homer zusammentrifft, er begegnet sogar seiner neuzeitlichen Inkarnation Leopold Blum bzw. dessen Frau Molly: Eben fingerte schon die Sonne hektisch den Horizont ab wie eine nackte Ungeduld, da sah ich den blinden Dichter in der hintersten Ecke der Bar vor seinem letzten Glas, versunken in den abnehmenden Rest von Whiskey und Nacht. Ich fragte ihn nach Ody, Odisses, Ulyxes oder Leopold. Er verneinte und kannte ihn ebenso wenig wie Molly … ; auch ein Literatur-Kritiker tritt hier auf und nimmt sich selbst auf die Schippe, wenn er sagt: Nur ein Spinner glaubt ihre Epen und hält sie für Weltliteratur. Wie jener Herakles, von dem der Spruch stammt: Du steigst nie zweimal in dasselbe Bett. Allerdings hat der Kritiker nicht nur Herakles mit dem den guten alten Heraklit verwechselt, sondern muss letzteren auch kräftig missverstanden haben, denn Heraklits berühmtes Dictum über die Fluktuation allen Seins ist nicht auf ein erotisches Lotter-Bett, sondern allenfalls auf das Bett eines Flusses gemünzt.

Es finden sich auch ein paar unverblümt zeitkritische Flashs unter den Geschichten, welche etwa Adornos sich selbst verschlingende Theoriegewächse ebenso aufs Korn nehmen, wie neuere Auswüchse von Genderismus und postfaktischer Geschichtsklitterung, oder politische Pseudokorrektheiten und Omnipotenzallüren akademischer Errettungsphantasten:

Ich hatte Glück und fand, ohne lange suchen zu müssen, auf Anhieb das universitäre Halbinstitut, die zweite Hälfte des Gebäudes ragte in einen unauflöslichen Nebel über dem Wasser. Wie auch immer, das waren Äußerlichkeiten. Mir ging es einzig um den Leiter des Halbinstituts, den Erwecker … Trotz meines langen Wartens sah ich den Erwecker nicht … er ließ mir ausrichten, er sei nun, von seinen universitären Verpflichtungen gänzlich befreit, unverzüglich über die Grenze ins Ausland verreist, und zwar in all seinen potentiellen Diversitäten und mit ebenso vielen Leibwächtern …     

Manchmal verkriecht sich die Welt in ein Wort, oder eine Unterhaltung fällt in das tiefe Loch Humor beim Polyglotten, und immer wieder geht es durch die Straßenschluchten modernen Zusammenlebens, das manchmal kindlich naiv bestaunt, manchmal ironisch, manchmal hymnisch, manchmal auch ironisch-hymnisch besungen wird: … und wäre nicht das bisschen Unkraut da, das bisschen Unkraut, dann wäre dieser Ort ein kolossaler Unort, eingeklemmt in Straßenschluchten, Abfallhalden, Abendland und Morgenland

Immer wieder überraschen auch unerwartete Wendungen mancher Geschichten, wenn etwa das Witzige, das Freche oder das Ironische zu changieren beginnt, so dass man unversehens in unmittelbare emotionale Betroffenheit gerät.

Ich gerate jedes Mal aufs Neue in Verzückung, wenn ich in dem schon äußerlich sehr ansprechenden Buch lese, möchte aber die Leser jetzt wirklich nicht länger von der Lektüre dieser köstlichen Flashs abhalten und schließe mit dem Statement: Der Verblüffung sind keine Grenzen gesetzt, auch nicht den teils aberwitzigen teils hochpoetischen Wortschöpfungen und Satzgebilden, von denen es nur so wimmelt, wie etwa schattenverdorbene Haut, glossolalische Gedankenklumpen, oder dunkle Wandelaugen und Sätze wie Sie war eine Einheimische und hatte ein RestherzMein Freitag ist der Frauenmund, der nun sein Ohr gefunden hat oder Kein Heißsporn hat es denn auch je weiter geschafft als bis zur Hälfte der Kreiszahl piIch bin Roberto, und man hält mich schon lange für tot. Nicht zuletzt, weil meine Gegner noch unschlüssig sind, ob ich noch lebe, lebe ich noch…oder: Seine Tugend bestand in einem einzigen Laster: Immer der zu sein, von dem er annehmen konnte, dass die anderen dachten: Das ist typisch Paul.

Das ist ein wunderbares Buch!

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Amadé Esperer. Im Auge lacht der Augenblick. Bamberg (Erich Weiß Verlag) 2020. 114 Seiten. 12,00 Euro

 

 

 

Nora Gomringer - Gottesanbieterin
Rezension von Amadé Esperer

Nora Gomringers neuer Lyrikband „Gottesanbieterin“ gibt sich zwar in Titel und Einteilung mit ominös benannten Kapitelüberschriften, wie etwa „Das Buch Timm“ oder „Zeugnis“, wie eine Art Brevier, schlägt man jedoch die Gedichte in den einzelnen Kapiteln nach, so verfliegt rasch der Eindruck eines erbaulichen Stundenbuchs. Vielmehr sieht man sich umringt von lyrischen Geschöpfen, die einem in gewohnt Gomringer‘ scher Sprachverspieltheit allerlei zuraunen, zurufen, ja sogar zuschreien, aber auch anvertrauen, und zwar in allen möglichen Tonlagen, die vom nachdenklich Meditativen bis zum keck Saloppen, vom privat-Reflexiven bis zum lauthals Extrovertierten und politisch Engagierten gespannt sind.

Und doch geht von diesem Gedichtband, trotz aller Ausgelassenheit mancher Texte, eine meditative Aura aus, die sich wie ein roter Faden durch alle Kapitel zieht. Nach Lektüre bzw. Genuss des Bandes, bleibt nicht nur das Gefühl, einer Meditation beigewohnt zu haben, sondern dabei auch Gesänge gehört zu haben. Denn es ist Gomringer gelungen ist, nicht nur aus Sorgen Gesänge werden zu lassen, wie es sinngemäß in der letzten Gedichtzeile von Man siehst, heißt, sondern auch aus Trauer und Verlust, aus Freude und Übermut, aus Zweifel und Vertrauen eine vielstimmige Musik zu machen, darunter gewaltige Choräle, wie etwa das leitmotivisch durchkomponierte Gedicht Annahme über Michael Lentz oder das großartige, Arvo Pärt gewidmete, Stabat Mater, in dem sie es tatsächlich schafft, poetisch die feinsinnige Musik des Komponisten nachzuzeichnen. Aber auch lichtdurchflutete Litaneien hören wir, wie beispielsweise in dem Zentralgedicht Wichtige Dinge und dem krönenden Abschlussgedicht Applaus, das als veritables Credo die in dem Gedichtband veranstaltete „lyrische Messe“ würdig ausklingen lässt:

 

Ich bin die Christin

Mit dem Schandfleck am Knie,

das ich aufschlug, nicht aufrieb im Dienst.

….

Ich bin die Christin,

die beim Chatten nach Fotos von Händen fragt,

so ungläubig ist sie.

….

 

Ich bin die Christin,

die nach Kunst in der Kirche fragt.

Ich bin die Christin,

die durch die Riten die Rätsel annimmt.

Ich bin die Christin,

die bewundert, wenn einer aus dem Schrank steigt, der ihn eingesperrt hielt,

ich bin die Christin,

die ernst macht mit der Liebe für den immer Nächsten

Ich bin die Christin,

die an zu viel Weihrauch, nicht an zu wenig sterben möchte

Dieses „Credo“ ist, wie denn auch der ganze Band, ein mutiges Coming Out der Dichterin als Christin in einer Zeit, deren Geist alles andere als christlich gestimmt ist, deren (Zeit)Geist heimgesucht ist von massenhafter Bilderstürmerei und leibhaftiger, weltweiter Christenverfolgung, deren (Zeit)Geist in den fortschrittlichen Demokratien immer noch an Nietzsches Erbe laboriert oder vom Messianismus und den Hirngespinste intellektueller Salonrevoluzzer geplagt wird, die trotz der Millionen Toten in den Gulags, aus ihrer Wohlstandsperspektive heraus, immer noch vom angeblich intrinsisch friedfertigen Marxismus als erstrebenswerter Utopie faseln.

Überzeugend tritt die Dichterin als Gottesanbieterin, so ja auch der Name des Gedichtbandes, in Erscheinung. Allerdings nicht anbiedernd oder frömmelnd, sondern selbstbewusst modern, mal affirmativ, mal subversiv, denn auch das gehört zu ihrem Glaubensbekenntnis:

Ich bin die Christin,

die die weißen Westen der Diener Gottes anschwärzt

Zu ihrem Credo gehört auch, Missstände und Probleme in den vielen zwischen die großen „Gedichtgesänge“ eingestreuten „Zwischengesängen“ zu thematisieren. Diese Zwischengesänge sind denn auch alles andere als erbaulich und lesen unserer Zeit ziemlich die Leviten. So das seriell durchstrukturierte als Naturgedicht bezeichnete Naturgedicht, das durch den in Englisch gehaltenen Refrain My body so ample / so wide, like a fucking landscape strukturtiert wird und den Ton eines Klageliedes anstimmt:

 

My body so ample,

so wide, like a fucking landscape

kein wunder, dass sie auf mich treten

lieg ich doch weit und breit vor ihnen ausgestreckt

my body, so ample,

so wide, like a fucking landscape

kommen mit turbinen, windrädern

und solarzellen, checken aus, wo ich am hellsten leuchte

my body so ample,

so wild, like a fucking landscape

my body, so ample

so wild, like a fucking landscape

 

Der wohlkalkulierte Kontrast zwischen den Refrain-Brocken, die aus einem „Backseat Freestyle“-Song von Kendrick Lamar stammen könnten, und den dazwischen gestreuten deutschen Textpassagen, welche heißesten umweltpolitischen Tobak transportieren, lädt dieses kleine Gedicht mit einer so großen Sprengkraft auf, dass sich seine ganze Wucht beim Lesen überträgt. Das ist beste performative Lyrik! Und davon wimmelt es in diesem Band. Die Kunst der Dichterin besteht nicht zuletzt darin, auch philosophisch-theologische Inhalte zu performativen Ereignissen werden zu lassen, wie beispielsweise in dem Gedicht Von der Begehbarkeit des Herzens, wo es heißt:

So wird durch einen Besuch an einem Nachmittag im Mai

Die Unsicht- und auch Unfassbarkeit,

die Unhaltbarkeit und das Abgleiten, Verderben des Gefühls,

das wir nicht fassen, sehen, konservieren können,

ein für allemal bewiesen.

 

A Priori gab es kein was zu beweisen war.

 

Als dezidiert politisches Gedicht liest sich das unscheinbar betitelte Ging einer zur Arbeit. Es hat die Anmutung einer Elegie und besticht durch seine psalmartige Struktur. Sie hat es zu Ehren und im Gedenken an die vor fünf Jahren von islamischen Fundamentalisten ermordeten Zeichner und Mitarbeiter des scharfsinnigen Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“:

 

Ging einer zur Arbeit

hob den Stift

setzte ihn an

holte weit aus

zog einen Strich

Wissen doch alle

die gehen zur Arbeit

dass sie darin umkommen können

in diesem Hier und Jetzt

wenn sie den Stift heben

Waren zwei

die so alt sind wie ich

 

Mit Füßen in einem anderen Jetzt

in genau diesem Hier

 

Ging einer zur Arbeit

hob einen Stift

 

Ist dafür umgekommen

 

Je suis Cahrlie. Jan 2015

 

 

Die meisten der in diesem Band versammelten 49 Gedichte sind formal ziemlich frei mit wechselnden Zeilenlängen und Metren gestaltet, wobei nicht selten Zeilenstil überwiegt. Viele Gedichte verraten jedoch schon optisch einen genau durchstrukturierten Bauplan, der absichtsvoll den jeweiligen Text beherbergt. Beispielsweise das monumentale Gedicht Beim Blick auf dieses Grab, das aus drei Strophen aufgebaut ist. Während die ersten beiden Stropen, wie zwei große Blöcke symmetrisch gegen einander gesetzt, aus fast gleich vielen nicht endgereimten Zeilen bestehen, die spiegelbildlich um die als Symmetrieachse dienende Lücke zwischen erster und zweiter Strophe angeordnet sind, fällt die dritte Strophe aus dem Rahmen. Sie besteht lediglich aus einem Vierzeiler, der kreuzgereimten Endreim aufweist und abwechselnden aus Vier- und Dreihebern komponiert ist.

Die beiden wuchtigen Strophen eins und zwei bilden formal offenbar den Grabstein ab, auf den, wie der Titel des Gedichts verrät, der Blick gerichtet ist, während die zierlich sich ausnehmende dritte Strophe wie ein i-Tüpfelchen auf die meditativen Gedankengänge der ersten beiden Strophen gesetzt wirkt. So verdeutlicht die Dichterin witzig ironisch die innere Distanz der lyrischen Sprecherin zu den gewichtigen Assoziationen, die ihr angesichts der wuchtigen Grabblöcke auf einem Friedhof durch den Kopf gehen. Wie ein befreiendes Stoßgebet wirkt dieses Schluss-Quartett der letzten Strophe, das einen Einblick in das Selbstverständnis der lyrischen Sprecherin gibt:

 

„Auch bet ich ihn von Herzen an,

Daß ich auf dieser Erde

Nicht bin ein großer, reicher Mann,

Und auch wohl keiner werde.

 

Die bewusst altertümelnde Sprache mit invertierter Syntax bewirkt, dass man das Quartett als religiöses Danklied verortet. Es könnte aus dem Gotteslob stammen und nimmt sich der Gesamtkonstellation des Gedichts doch wie ein ironischer Kurzkommentar zu all dem vorher Gesagten aus, das dem lyrischen Ich in einem „Stream of conciousness“ angesichts des von so viel Tod auf dem Friedhof durch den Kopf schwirrt und sich wie ein emotionaler Parforceritt durch heilsgeschichtliche Grashalme und liturgische Tröstungsfetzen gleichkommt:

 

Etwa ein Viertel der Gedichte in diesem Band sind seriell mit Wiederholungselementen strukturiert. Ein Text, Wandlung, ständige Wandlung, sticht als veritables Prosagedicht hervor. Einige kleinere Formen zitieren die „Konkrete Poesie“ à la Eugen Gomringer und lassen sich als Hommage an den Vater der Dichterin verstehen.

Obwohl ich fast über jedes Gedicht ins Schwärmen geraten könnte, muss ich mich aus Platzgründen beschränken, möchte aber doch noch aus zwei Gedichten zitieren, die es mir besonders angetan haben. Da ist zum einen das liebenswürdig ironische, voller übermütiger Binnenreime steckende Liebesgedicht Kleine Anzeige III, das in flotter Sprache daher kommt:

Ich hab‘ dich getindert. Ich hab dich gelikt.

Wir haben gechattet. Wir sind gejettet.

Sie lachten über uns und wir hieltens aus.

Hast mir gefallen im Schaum. Hast mir gefallen im Feuer.

Unsere E-Mail heißt Amor und wenn wir „versenden“,

schickt er Vektoren. Von außen besehen

sind wir ein schönes Paar. Die InStyle, die Gala, die Bunte

die nicken und schicken nen Obstkorb an unsere Adresse.

Wenn du den Kindern mal erzählst, wie du ihre Mutter kennen-

Lerntest, sag: Es war Mittwoch, ein Tag auf der Milchstraße.

Sie lief und alle drehten sich nach ihr um.

 

 

Hier wird im Jargon der Smart-Phone-Generation auf die lange Tradition der europäischen Liebeslyrik Bezug genommen, nur dass in Gomringers Gedicht Amor keine Pfeile, sondern vektorisierte Bilder abschießt, Venus Mars per Internet tindert, und Mars Venus per Facebook likt. Hier tun sich natürlich auch gewisse Fallen des Denglisch-Jargons auf. So kann man sich fragen, ob die Dichterin „likt“, nicht besser als „liked“ oder „laikt“ hätte wiedergeben sollen. Andererseits legt „likt“ auch das Wort „lick“ (lecken) nahe, was ja in einem Liebesgedicht durchaus als erotischer Hinweis angebracht sein kann.

 

Und nun zu guter Letzt noch eine Bemerkung zu dem poetologisch reflektierenden, mich an Rilkes Archaischer Torso Apollons erinnernde Gedicht Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs, in dem es heißt:

Da gibt es keine List und kein Verstecken. Die sehen mich,

 

die wissen von der Sprache, die ich für dich sprach,

von den Wörtern, aus denen ich das Sprechen löste.

Die sehen auch, wie angefressen, wie wenig ich geworden bin.

 

Sie sagen: Das Vergessen hat die Zähne eines Haifischs.

Ich tippe dir leise: das Erinnern auch.

 

 

Nicht nur diese beiden zuletzt genannten Gedichte belegen, dass „Gottesanbieterin“ nicht exklusiv auf Theologisch-Religiöses und Philosophisch-Politisches-festgelegt ist, sondern spielerisch aus dem vollen Füllhorn der abendländischen Lyrik schöpft und die großen, seit der klassisch-griechischen Dichtung immer wieder variierten Themen, Liebe, Eros, Ich und Du, Du und Wir, Abschied, Tod und Transzendenz in der Sprache unserer Zeit auf poetisch überzeugende Weise zum Klingen bringt. Letzteres sogar wortwörtlich in Form einer dem Band beigegebenen CD -Sprachaufnahme mit Original-Gomringer-Sound.

Gottesanbieterin ist ein durch und durch gelungenes, höchst inspirierendes Werk.

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Nora Gomringer. Gottesanbieterin (Voland & Quist GmbH) Berlin, Dresden, Leipzig, 2020. 95 Seiten mit CD, 20,00 €

 

 

 

Vera Nolte - Der Milchkrug
Rezension von A. Allergold

Die Münchner Autorin Verena Nolte hat in dem aufwendig gestalteten und großzügig bebilderten Buch „der Milchkrug“ das Leben von Paula Morandell nach deren Erinnerungen und anhand von Briefen nachgezeichnet. Ist im Grunde die Lebensgeschichte eines jeden Menschen interessant und aufschreibenswert, so ist es die von Puala Morandell auf ganz besondere Weise, denn es ist nicht nur eine private Geschichte aus der üblichen Mischung von Glück und Unglück, sondern eine persönliche Geschichte, die eng verwoben und geradezu durch die historischen Zeitläufte definiert ist, eine Biographie also, die stellvertretend für das Schicksal eines ganzen Landes steht.

Einfühlsam und sprachlich gekonnt schildert Nolte das Schicksal nicht nur von Paula Morandell, sondern auch von deren weit verzweigter Familie, die aufs engste mit dem ebenso dramatischen wie tragischen Schicksal von Südtirol verknüpft ist.

Dabei lässt die Autorin Paula quasi als Fremdenführerin den Leser durch die vielfältigen Wege, beschwerlichen Umwege, versperrten Rückwege und manchen Abweg der Morandellschen Dynastie geleiten. Obwohl man sich manchmal in den allzu vielen Details der Familiensaga zu verlieren droht, führen einen dann doch immer wieder historisch erklärende Passage wie Ariadnefäden zurück auf den Hauptweg des Geschehens und gewähren aus der Privatperspektive von Betroffenen überraschend neue Einblicke in die Weltgeschichte.

Es geht in dem Buch um Heimat, um Flucht und Vertreibung und um Minderheitendasein. Diese werden beispielhaft konkretisiert an der Hauptperson Paula, welche 1934 in dem Südtiroler Dorf Kaltern zur Welt kommt, den Zweiten Weltkrieg in Baden bei Wien erlebt und auf abenteuerlichen Umwegen nach dem Krieg mit Mutter und Geschwistern versucht, in die Heimat zurückzugelangen. Dort erfährt die Protagonisten, ebenso wie die meisten ihrer Landsleute, an der eigenen Haut, was es bedeutet plötzlich nicht mehr im eignen Land zu Hause zu sein, plötzlich zu einer kulturellen Minderheit zu gehören, in einem Staat, der sich um diese Minderheit nicht schert und schon sprachlich ganz anders orientiert ist.

Insofern ist Paulas Geschichte repräsentativ nicht nur für das vergangene, sondern auch für unser Jahrhundert. Und es ist das Verdienst von Verena Nolte, die Protagonistin Paula sich erinnern zu lassen und ihr keine eigenen Geschichtsvorstellungen überzustülpen, wie das leider manchmal bei historischen Biographien zu beobachten ist.

Der Mehrwert dieses Buches liegt vor allem darin, dass durch Paulas Erinnerungen, so wie sie Nolte nachgezeichnet hat, das unwiederbringlich Verlorene vor dem Vergessen bewahrt wird. Das Buch ist somit ein wichtiger Beitrag zur Bewahrung Südtirols im kulturellen Gedächtnis Europas.

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Verena Nolte. Der Milchkrug (Folio Verlag) Wien / Bozen 2020, 256 Seiten, 25,00 €